Während der COVID-19-Pandemie hat sich nicht nur unser Alltag, sondern auch unsere Wahrnehmung von Zeit tiefgreifend verändert. Eine Studie der Universität Aberdeen unter der Leitung von Professor Arash Sahraie und Forscherin Daria Pawlak gibt Einblick in die psychologischen Auswirkungen der Pandemie auf unser Erinnerungsvermögen. Die Forschenden sammelten Daten von fast 280 Personen, die über ihre Erinnerungen der Jahre 2017 bis 2021 berichteten. Diese Untersuchung offenbart, wie die Pandemie unsere Fähigkeit, Ereignisse zeitlich richtig einzuordnen, stark beeinträchtigt hat.
Die Studie zeigt, dass die Genauigkeit der Erinnerungen an vergangene Ereignisse generell abnimmt, je weiter diese zurückliegen. Jedoch wurde festgestellt, dass die Erinnerungen an das Jahr 2021 besonders ungenau sind. Bemerkenswert ist der Zusammenhang zwischen der psychischen Verfassung und der Erinnerungsgenauigkeit: Teilnehmer mit Anzeichen von Angst, Depressionen oder Stress hatten deutlich mehr Schwierigkeiten, ihre Erinnerungen korrekt zu rekonstruieren. Personen mit höherer Resilienz hingegen berichteten von präziseren Erinnerungen.
Ein kritischer Faktor, der zur Verschwommenheit der Erinnerungen beiträgt, ist das Fehlen markanter sozialer und persönlicher Ereignisse. Geburtstage, Hochzeiten und andere Feierlichkeiten, die normalerweise als Ankerpunkte für unsere zeitliche Orientierung dienen, fielen aus oder wurden in kleinerem Rahmen gehalten. Ohne diese zeitlichen Markierungen vermischen sich die Erlebnisse zu einem kontinuierlichen Strom, in dem spezifische Ereignisse schwerer zu verorten sind.
Die "Zeitlandschaft", wie Sahraie sie beschreibt, ist normalerweise durch deutlich erkennbare Landmarken gegliedert. Diese Landmarken helfen uns, unsere Erfahrungen in einem zeitlichen Rahmen zu verorten, ähnlich wie Orientierungspunkte in einer physischen Landschaft. Die Pandemie hat viele dieser zeitlichen Orientierungspunkte ausgelöscht, was zu einer generellen Desorientierung und einem verschwommenen Gedächtnis führt.
Kommentar:
Die Studie der Universität Aberdeen wirft ein Schlaglicht auf die tiefgreifenden psychologischen Herausforderungen, die durch die COVID-19-Pandemie entstanden sind. Sie verdeutlicht, dass die Auswirkungen der Pandemie weit über die unmittelbaren gesundheitlichen Bedrohungen hinausgehen und tief in die psychologische Struktur unserer Gesellschaft eingreifen. Die Forschungsergebnisse betonen die Notwendigkeit, psychologische Unterstützungsangebote zu erweitern und anzupassen, um den langfristigen Folgen der Pandemie entgegenzuwirken.
Darüber hinaus stellen sie eine Herausforderung für unsere bisherigen Konzepte von Zeit und Gedächtnis dar. Die Fähigkeit, Ereignisse in einen klaren zeitlichen Rahmen zu setzen, ist grundlegend für unser psychisches Wohlbefinden und unsere gesellschaftliche Funktionsfähigkeit. Diese Studie macht deutlich, dass die psychosozialen Folgen der Pandemie eine überdachte Antwort erfordern, die sowohl die individuelle psychische Resilienz stärkt als auch kollektive Strategien zur Wiederherstellung der "Zeitlandschaft" unserer Gemeinschaft entwickelt. In einer Welt, die zunehmend von Unsicherheit geprägt ist, wird die Fähigkeit, resiliente psychologische und soziale Strukturen zu schaffen, entscheidend sein, um zukünftige Krisen zu bewältigen und die kollektive Psyche zu stabilisieren.
Von Engin Günder, Fachjournalist