Die Schufa hat ihr Scoring-Modell überarbeitet und verspricht damit mehr Transparenz für Verbraucher und Unternehmen. Statt in einer undurchsichtigen „Blackbox“ sollen die neuen Bonitätsscores nun besser nachvollziehbar, fairer und individueller sein. Doch was steckt hinter dem neuen Modell – und welche Folgen kann die überarbeitete Bewertungspraxis insbesondere für Apothekerinnen und Apotheker haben?
Seit April 2024 wendet die Schufa ein neues Modell zur Bonitätseinschätzung von Privatpersonen an. Dieses Modell soll unter anderem die Anzahl der Konten, das Zahlungsverhalten und die Historie von Kreditanfragen differenzierter berücksichtigen. Im Unterschied zum bisherigen Verfahren, bei dem viele Faktoren in einem undurchsichtigen Algorithmus verrechnet wurden, ist die Schufa nun verpflichtet, die wesentlichen Einflussfaktoren in verständlicher Form offenzulegen. Verbraucher können über die neue App und die Onlineplattform Einblick in die Datenlage nehmen. Ziel sei es, Vertrauen wiederherzustellen – und dem Druck aus Politik und Zivilgesellschaft zu begegnen, der in den vergangenen Jahren durch zahlreiche Beschwerden über intransparente Ablehnungen von Krediten, Mietverträgen oder Handyverträgen entstanden war.
Doch auch Unternehmer, darunter Apothekenleiter, geraten durch das neue System verstärkt in den Fokus. Zwar wird bei Geschäftskunden ein anderes Scoringmodell herangezogen, jedoch spielt die Bonität der Inhaber in vielen Finanzierungsfragen, insbesondere bei Einzelunternehmen wie Apotheken, eine zentrale Rolle. Kommt es beispielsweise zu einer privaten Verschlechterung der Bonitätsbewertung, können Kreditlinien für den geschäftlichen Betrieb eingeschränkt, Leasingverträge nicht verlängert oder neue Investitionen erschwert werden. Gerade bei Betriebsübernahmen oder geplanten Umbauten wird regelmäßig ein Blick auf die private Schufa gezogen – oftmals ohne dass sich die Betroffenen der Tragweite bewusst sind.
Brisant wird dies vor allem, wenn Apotheken auf Liquidität angewiesen sind. Lieferengpässe, gestiegene Einkaufspreise, Lohnkosten oder Abschlagszahlungen für pharmazeutische Dienstleistungen können zu temporären finanziellen Engpässen führen, die mit Zwischenfinanzierungen überbrückt werden müssen. Wenn Banken hierbei einen negativen Schufa-Score als Risiko einstufen, kann die Kreditvergabe ins Wanken geraten. Im Extremfall kann eine negative Bonitätsbewertung sogar eine Insolvenz mit auslösen – auch wenn der Geschäftsbetrieb der Apotheke an sich solide wäre.
Ein weiteres Problem: Der neue Score reagiert empfindlicher auf kurzfristige Verhaltensänderungen. Wer etwa häufig den Dispositionskredit ausschöpft oder in kurzer Zeit mehrere Finanzierungsanfragen stellt – etwa im Rahmen einer Expansion –, riskiert eine Abwertung, obwohl dies unternehmerisch nachvollziehbar und temporär notwendig ist. Auch das sogenannte „weiche Merkmal“ der häufigen Datenabfragen durch Dritte kann negativ wirken – beispielsweise, wenn ein Apothekeninhaber mehrere Leasingoptionen für neue Automaten prüft.
Deshalb ist es für Apothekenleiter essenziell, ihre eigene Bonität aktiv im Blick zu behalten – auch als Privatpersonen. Dies betrifft nicht nur ihre eigene Zahlungsdisziplin, sondern auch die Kommunikation mit Vermietern, Mobilfunkanbietern oder Versandhäusern, die Daten an die Schufa melden können. Zudem empfiehlt es sich, regelmäßig eine Eigenauskunft einzuholen und Einträge auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.
Wie viel Transparenz die Schufa mit dem neuen Score tatsächlich liefert, bleibt abzuwarten. Zwar wurden Nutzerrechte gestärkt und der Zugang zu Informationen erleichtert – jedoch ist weiterhin unklar, wie die einzelnen Faktoren im Detail gewichtet werden. Auch gibt es bislang keine vollständige Offenlegung des Scoring-Algorithmus. Der Vorwurf der Blackbox mag also abgemildert sein, ganz verschwunden ist er nicht.
Kommentar:
Die Reform des Schufa-Scores ist ein überfälliger Schritt in Richtung mehr Nachvollziehbarkeit und Fairness. Doch für Apothekerinnen und Apotheker birgt sie auch neue Risiken. Denn in einem Geschäftsmodell, das stark auf Vertrauen, Liquidität und reibungslosen Warenfluss angewiesen ist, kann eine herabgestufte Bonität unmittelbare und existenzielle Folgen haben.
Die finanzielle Realität vieler Apotheken in Deutschland ist längst nicht mehr so stabil, wie es die Außenwahrnehmung nahelegt. Sinkende Honorare, wachsende Bürokratie, Fachkräftemangel und eine zunehmend kostenintensive Digitalisierung setzen die Betriebe unter Druck. In diesem Umfeld ist es kein Randthema mehr, wie externe Stellen wie die Schufa einen Unternehmer bewerten – sondern eine Frage der betrieblichen Überlebensfähigkeit.
Es ist ein Widerspruch: Einerseits fordert die Politik unternehmerisches Handeln und Innovationsfreude, etwa durch Investitionen in pharmazeutische Dienstleistungen, Automatisierung oder neue Filialkonzepte. Andererseits erschwert ein rigides Bonitätssystem genau diese Schritte, wenn es Expansion oder Zwischenfinanzierung mit dem Makel der Risikoaversion bestraft. Der neue Score verspricht mehr Transparenz – aber ob er auch unternehmerische Realität abbildet, ist fraglich.
Apothekenleiter sind daher gut beraten, sich nicht in trügerischer Sicherheit zu wiegen. Die neue Offenheit der Schufa darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine negative Bewertung weitreichende Folgen haben kann. Es braucht aktive Vorsorge: Bonitätsüberwachung, gezielte Kommunikation mit Finanzierungspartnern und notfalls juristische Begleitung bei fehlerhaften Einträgen. Auch die Apothekenverbände sollten das Thema stärker auf die Agenda setzen – nicht zuletzt, um strukturelle Nachteile für die Branche abzuwehren.
Denn eines ist klar: Eine Apotheke, die trotz wirtschaftlicher Tragfähigkeit an einem algorithmischen Urteil scheitert, verliert nicht nur ihre Existenz – sie ist auch ein Symptom dafür, dass unser Umgang mit Bonität zu oft den Menschen und seine Realität vergisst. Und das wäre ein Armutszeugnis – für das System, nicht für den Inhaber.
Von Engin Günder, Fachjournalist